Zum zweiten Rennen der aktuellen Saison trafen sich die Truckracer nur eine Woche nach dem Auftakt in Misano unweit der Hauptstadt Bratislava auf dem Slovakiaring. Die Rennstrecke steht seit einigen Jahren im Kalender und war den Racern beim ersten Gastspiel mehr oder weniger unbekannt – mit einer Ausnahme: Norbert Kiss hatte auf dem sehr speziellen Kurs schon etliche Hundert Runden im Tourenwagen absolviert und kannte das Geläuf daher aus dem Effeff. Dieser Wissensvorsprung zählt allerdings schon lange nicht mehr als Erklärung (oder Ausrede) dafür, dass Kiss hier vor hunderten lautstark lärmenden Fans – die ungarische Grenze ist nicht weit – den Rest des Feldes regelmäßig in Grund und Boden fährt. Denn das macht der Rekordeuropameister ja regelmäßig auch auf allen anderen Rennstrecken, so dass inzwischen eine gewisse Langeweile eingekehrt ist, was die Frage betrifft, wer nach den Wertungsläufen den Sonnenplatz auf dem Siegertreppchen einnimmt. Drei Siege in Misano und vier Siege auf dem Slovakiaring: Wer nimmt noch Wetten auf den Europameister 2026 an, bei denen man mehr als den Einsatz zurückbekommt?
Im Gegensatz zu Kiss hatte der ewige Zweite Jochen Hahn an diesem Wochenende keinen Grund zur Freude: Es war eines der schlechtesten seit langem. Im ersten Rennen konnte sich Hahn noch auf dem zweiten Platz behaupten, er klagte allerdings schon nach dem Zieleinlauf über ein Problem in der Elektronik. Danach gab es für den Altensteiger nichts mehr zu holen, offenbar schaffte es die Crew nicht, den Defekt zu beheben, so dass der Iveco-Pilot in den drei anderen Rennen ausfiel bzw. gar nicht erst antrat. So war es an Steffi Halm, die Iveco-Flagge hoch zu halten, was ihr mit zwei dritten Plätzen leidlich gelang.
Beim Rennen auf dem Slovakiaring ist es seit vielen Jahren Usus, das Wochenende mit Taxifahrten für VIPs und Medienschaffende zu eröffnen. Nachdem diese Fahrten beim Truck Grand Prix nicht mehr angeboten werden, ist das die einzige Gelegenheit (abgesehen von Testfahrten), auf dem heißen Stuhl Platz zu nehmen. Selbst als Beifahrer – in diesem Fall neben Steffi Halm – ist der gravierende Unterschied zum Beispiel zum Nürburgring deutlich zu spüren. Der Slovakiaring ist mit einer Rundenlänge von 5922 Metern die mit Abstand längste Rennstrecke – und zugleich der schnellste Kurs. Am Vorwochenende in Misano lag die Durchschnittsgeschwindigkeit bei Kiss‘ schnellster Runde in der Superpole 2 bei 119,650 km/h. Im vergangenen Jahr donnerte Kiss in der Superpole 1 mit 115,464 km/h um den Nürburgring. Auf dem langen Slovakiaring liegt der Durchschnitt bei knapp 130 km/h. Was einerseits für einen vergleichsweise hohen Reifenverschleiss sorgt, denn die Kurven sind auf dieser modernen Rennstrecke so angelegt, dass sie mit hohem Tempo durchfahren werden. Andererseits sorgt das Streckendesign dafür, dass die Programmierung der Geschwindigkeitsbegrenzung zum Pokerspiel wird, bei dem man schnell überreizt, was einige „Notizen“ seitens der Rennkommissare zur Folge hatte. Das Problem: Will man auf der sicheren Seite bleiben, macht ein um ca. 0,5 km/h niedriger programmiertes Limit auf der extrem langen Start- und Zielgeraden eine Differenz von 12 bis 14 Metern aus, was sich in eine Zeitdifferenz von grob einer viertel Sekunde umrechnen lässt. Bei den Spitzenfahrern, deren Rundenzeiten in der Superpole oft nur um wenige hundertstel Sekunden differieren, bedeutet das einen gewaltigen Unterschied.
Über Zeitunterschiede kann nach diesem Wochenende auch René Reinert eine interessante Geschichte erzählen, wenngleich er nicht viel Freude daran haben dürfte. Im zweiten Championshiprace hatte Norbert Kiss das Feld einmal mehr vom achten Startplatz aus aufgerollt und saß Reinert, der von der Pole gestartet war und die Führung eisern verteidigt hatte, etliche Runden lang im Nacken. In der allerletzten Kurve, die Zielflagge schon vor Augen, gelang es dem Ungarn, eine etwas bessere Linie zu erwischen und sich neben Reinert zu setzen – am Ende donnerten die beiden MAN mit exakt einer hundertstel Sekunde Differenz über den Zielstrich. Mit dem glücklicheren Ende für Kiss, zumindest auf der Rennstrecke. Bei der Champagnerdusche nach der Siegerehrung revanchierte sich Reinert und taufte seinen Konkurrenten mit der ganzen Bouteille.